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Geständnisse einer Großstadtlesbe (15)

04/04/2010

Lesboland Vol. 15 Neulich, in der Netzwerkhölle

Frollein,

heute soll weniger das Lesbenland in seiner vermeintlichen Besonderheit, als vielmehr „das Leben“, ohne den, sich zur Disposition stellenden Einlass der Minorität zu beachten, ins Licht der Investigation gerückt werden.

„Wir begnügen uns nicht mit dem Leben, das wir aus unserem eigenen Sein haben; wir wollen in der Vorstellung der anderen ein imaginäres Leben führen, und darum strengen wir uns an, in Erscheinung zu treten. “ Blaise Pascal aus Pensées sur la religion et autres sujets (Gedanken über die Religion und andere Themen)

Jeden Tag treten wir in den verschiedensten Alltagssituationen als die auf, die wir glauben zu sein oder auch glauben sein zu müssen anhand von diversen Rollenvorgaben und Verhaltensmustern, die innerhalb gewisser Konventionen von uns erwartet werden. Dabei entsteht ein fiktives Bild von der natürlichen Ich-Identität, was Blaise Pascal in seinen Überlegungen als imaginäres Leben in der Vorstellung der anderen darstellt.

Wir sind jetzt, wir sind hier (ich möchte mich von der Rosenstolz Assoziation hiermit nachhaltig distanzieren), wir sind gleichzeitig, immer on the line, auf dem schmalen Grad der diffundierenden Wirklichkeit. Zeit und Raum scheint mancher“orts“ aufgehoben in der digitalen Duplizität der Identitäten. So mag es nicht verwundern, dass mancher vor lauter Informationswahnsinn nicht mehr weiß, wer er selbst ist, dafür aber umso besser darüber Bescheid weiß, was die anderen vorgeben zu sein.

Die Domptöse: „Scheiß die Wand an, gucks dir an! Das immer auf total distanziert machende Frollein XY, hört seit Stunden vor Selbstmitleid nur so triefendes und melancholisierendes Liedgut auf last.fm und nicht zu vergessen die allzu dramatische Äußerung im Buschfunk des  StasiVZ Abschied ist immer ein wenig Sterben! Wenn ihre Trulla sich nicht mal wieder von ihr getrennt hat, dann weiß ich es auch nicht besser.“

Das Frollein Liesel: „Guck ma zur Kontrolle auf Lesarion. Status geändert? Facebook? StudiVZ? Irgendein verräterischer Kommentar auf ner Pinnwand?“

In die Welt getragenes Leid, ebenso wie jeglicher Grund zur Freude, wird öffentlich wirksam auf dem Altar der Netzwerke gefeiert. Demnächst wird sich auch noch im Buschfunk oder via Twitter wortgewaltig innerhalb der erlaubten 140 Zeichen dafür entschuldigt an Flatulenzen zu leiden. Das Corpus Delicti – der schnöde Furz – als animalische Äußerung, wurde zuvor natürlich für die Ewigkeit künstlerisch festgehalten, indem man in allzu demütigender Pose versuchte gleichzeitig Handykamera und Feuerzeug zu bedienen, um dem Furz auch in visueller Form ein Denkmal zu setzen. Denn ohne Beweismaterial – keine Competition!

Jedes Gerücht schlägt Luftwurzeln im luftleeren, digitalen Raum und wartet nur darauf auf klatschbasigen Nährboden zu treffen, um je nach Anliegen etwaige Emotionen beim passenden Gegenüber zu evozieren. Nach all dem Heckmeck kann man nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden, zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen dem gepimpten Ich und dem tatsächlichen Ich, das sich hinter all dem infektiösen VZ-Gruppen-Palaver (VZ-Tourette), das sich durchaus schon seinen Weg in die Alltagskonversation gebahnt hat, versteckt.

Die Domptöse holt zum alles verändernden Satz aus. Er wird die Menschheitsgeschichte verändern, er wird der meist zitierte Satz auf Erden sein, in alle Sprachen dieser Welt übersetzt werden, ein Gedanke so glasklar, von einem göttlichen Funken beseelt – denke dir nun den Konjunktiv – so könnte es gewesen sein…

„Das Leben…“

Frollein ChantallE: „IST KEIN PONYHOF!“

(Am liebsten hätte man dann gerne mit ET KLTASCHT GLEICH, ABER KEINEN BEIFALL, FROLLEIN! geantwortet, wäre man dann nicht auch in die VZ-Tourette-Falle getappt.)

Wie ich auszog, die Welt zu retten und betrunken zurückkam.

Frei nach dem Motto Kann ich mein Leben kurz speichern und was ausprobieren? zog ich in die Welt hinaus und stellte schon nach kurzer Reise fest Maaaaan, meine Haare, scheiß Wind…ich könnt kotzen!! Das Wetter war nicht gemacht für Heldentaten,  Mal biste der Baum, mal biste der Hund – so ist das im Leben! Ich traf das Frollein Liesel und dies versprach Mehr Spaß am Leben durch infantiles Verhalten und so eröffnete ich unsere Konversation mit: „Scheiße, macht Dein Charakter Dich hässlich!“ Das Frollein Liesel dachte wohl: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, frag nach Salz & Tequila.“ Ich hingegen dachte: „Lieber einen Feind mehr als eine gute Pointe verpassen. Klug wars nicht… Aber GEIL.“ Aber das Frollein Liesel antwortete gekonnt mit: „War doof, merkste selbst, ne!?!“Anstatt in einem Sprüche-Battle zu versinken, gingen wir auf die nächstbeste Party … und ich sag noch zu mir: „Das ist total dumm was du da machst!“ Schon beim Einlass trafen wir auf eine Gestalt, bei der mir das Frollein Liesel spitzzüngig ins Ohr raunte: „Kannste dich bitte woanders hinstellen und da scheiße aussehen?“ „Komm wir gehen an die Bar Wer tanzt hat bloß kein Geld zum Saufen!“ Gesagt, getan – doch Wie können die zwei Bier gestern 50 Euro gekostet haben? Das Frollein Liesel wurde sogleich bei der ersten Bierverköstigung plump von der Seite angebaggert und komplimentierte das Subjekt mit der kernigen Aussage: „Mal ehrlich: Welchen Teil von „NEIN.“ hast Du nicht verstanden?“ zurück in die Untiefen der Subkultur…

So oder so ähnlich könnten, bei steigender VZ-Tourettisierung, die nächsten Geständnisse aussehen. Doch die Frage, die hinter all dem steckt, ist eine viel einfachere und ist im nebulösen Wirrwarr des gepflanzten Wortunkrauts fast vollständig untergegangen: Wer ist eigentlich geständig? Wer verschleiert sich gekonnt? Und wer ist eigentlich das Frollein?

Hochachtungsvoll

die Domptöse

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