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Rezension: Selim Özdogan – Ein Glas Blut

29/06/2010

Manchmal, so meint man, umschwebt der Text einen beim Lesen wie eine Melodie. Selim Özdogan schafft es, ganz gemäß seines eigenen Anspruches, seinen ganz eigenen Rhythmus zu finden und somit eine ganz und gar flüssige Komposition zu schaffen – auch wenn die thematischen Unterschiede teils nicht größer sein könnten.

Wie schon in meiner kurzen Vorschau angeklungen, und mit dem Beispiel von Foethes Gaust bestens belegt, beweist Selim Özdogan einen doch sehr eigenen und in Teilen derben Humor. Nicht nur gravierende Themenunterschiede sind auszumachen, sondern auch innerhalb des Textkorpus, der „Kurzprosa“, von „Ein Glas Blut“, eine Vielfalt verschiedener Textsorten. Darunter lassen sich formal recht freie Gedichte finden, wenn auch oftmals in ein schlichtes Paarreimschema gesteckt, desweiteren zumeist sehr kurz gehaltene zwei- bis dreiseitige Erzählungen und äußerst reduzierte und konzentrierte Drei- oder Vierzeiler, die einen aphoristischen Charakter besitzen.

In all diesen Geschichten wird eine enorme Beobachtungsgabe Selim Özdogans sichtbar, die teilweise skurrilen Alltagssituationen und den verschiedensten Nuancen zwischenmenschlichen Zusammenlebens nachspürt. Özdogan fängt Augenblicke ein wie in der Erzählung „Wo sind die Tage?!“, die mit dem Satz schließt „Ich vermisse ihn [den vergangenen Tag], als sei mir ein halbes Leben abhandengekommen.“ Mal mit einer tiefen Melancholie, mal mit einem nicht nur subtilen Zynismus und mal mit einem humoristischen Gespür beschreibt er Situationen und Stimmungen.

Selim Özdogan macht jedoch auch ein literarisches Spannungsfeld auf, indem er den Textkorpus in eine metafiktionale Überlegung mit einbezieht, bei der er auf die Nachhaltigkeit von Literatur eingeht. Das Leben spielt sich lediglich zwischen zwei Eckpunkten ab, dem Eintritt in das Leben und dem Tod, auf den Selim Özdogan in vielen seiner Geschichten eingeht. Ein Spielraum, in dem er selbst kreativ schaffend wirkt und zeitgleich zwar einen eigenen, aber keinen gehobenen Anspruch, an seinen Output legt. Den Vergleich zum Leben und Sterben zieht er dabei in einigen Geschichten, indem stimmliche oder auch schriftliche Hinterlassenschaften bereits Verstorbener im Leben der anderen, sei es auf dem Handy in Form einer SMS oder auf dem Anrufbeantworter, nachhallen. Die Frage, die sich unweigerlich stellt ist: Was bleibt?

Ich habe diese Sammlung von Texten mit Begeisterung gelesen und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Buch in die Hand nehme. Bzw. warten nun die weiteren Werke von Selim Özdogan auf meine Lektüre.


Hochachtungsvoll

die Domptöse

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